Wenn sich in Bratislava westliche
Ehefrauen langweilen
Michal Hvorecky liest bei der donumenta aus „Eskorta“
Gerade arbeitet Michal Hvorecky an einem Donauroman, der –
wie könnte es anders sein - in Donaueschingen beginnt. Und
vielleicht wird Hvorecky, kurz nachdem Claudio Magris den Friedensnobelpreis
erhalten hat, derjenige sein, der in Zukunft zitiert wird, wenn
es darum geht, Europa literarisch wie ein Schiff an seinen Ufern
zu vertäuen.
Die donumenta 2009 – Slowakei präsentierte den
erfolgreichen slowakischen Schriftsteller im Vorfeld des diesjährigen
Festivals für die aktuelle Kunst und Kultur der Donauländer.
Vom 20. September bis zum 8. November bringt die donumenta Bildende
Kunst, Tanz, Theater, Film, Musik und Performance aus der Slowakei
nach Regensburg.
Autobiografisch?
Das Allegorische entwickelt Hvorecky auch in seinem Roman „Eskorta“
zur Meisterschaft. In diesem Roman mit teils autobiografischen und
unumwunden selbstironischen Einsprengseln erinnert sich der Protagonist
Michal Kirchner an eine Kindheit im Sozialismus. „ Eigentlich
habe ich mit Michal Kirchner relativ wenig zu tun“, beteuert
Hrovecky.
Wahrheit gegen Ostalgie
Doch befähigen ihn gerade seine Gemeinsamkeiten mit Kirchner
dazu, der postkommunistischen Ostalgie mit einem Quäntchen
Wahrheit zu begegnen. Hvoreckys Recherchen über Homosexualität
oder Sexualverbrechen in der CSSR brachte die Existenz von etwa
40.000 versteckte Homosexuellen ans Licht, die in der Tschechoslowakei
lebten. Über sie wurde ebenso geschwiegen wie es in der CSSR
offiziell keine sexuellen Verbrechen gab. Der Großvater des
Protagonisten hatte sich bereits zwischen den Weltkriegen für
die Entkriminalisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe eingesetzt.
Hvorecky selbst hat als Schüler erlebt wie der Direktor seiner
Schule wegen Pädophilie verhaftet wurde.
Professioneller Frauenversteher
Im Wendejahr 1989 war der Autor 13. Sein Alter Ego Michal Kirchner
absolviert als junger Mann eine Ausbildung als Schauspieler. Verführt
von den Reizen der neuen Macht des Geldes, lehnt er ein Engagement
beim Theater ab, heuerte als Callboy beim Begleitservice „Eskorta“
an und verwöhnt die gelangweilten Ehefrauen westlicher Investoren.
Mit der Rolle des professionellen Frauenverstehers, in die er seinen
Protagonisten schlüpfen lässt, parodiert Hvorecky zum
einen die Prostitution im Kulturbetrieb; zum anderen arbeitet er
in diesem Setting detailgenau heraus wie sich das Leben in Bratislava
im Rausch und außerhalb der bisher geltenden Moral vom Postkommunismus
in den Turbokapitalismus hinein katapultierte.
Wieder ein Eiserner Vorhang?
Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise gewinnt Hvoreckys
Roman an Bedeutung. Fünfeinhalb Millionen Menschen leben in
der Slowakei, eine halbe Million davon in der Hauptstadt Bratislava,
gerade einmal eine halbe Autostunde östlich von Wien. Die erlebte
in den letzten Jahren einen ungeahnten Boom. Steigende Löhne
kompensierten die gestiegenen Mietkosten. Momentan jedoch stehen
100.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. „Die Krise zeigt:
Es wird wieder einen Eisernen Vorhang geben, nicht politisch, aber
wirtschaftlich“, kommentiert Michal Hvorecky. (JW)
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