Ist es Pflanze? Ist es Tier? In Budapest entstehen neue Arbeiten der Regensburger Künstlerin Barbara Sophie Höcherl

Die Regensburger Künstlerin Barbara Sophie Höcherl ist gelernte Staudengärtnerin, studierte an der Westböhmischen Universität in Pilsen Illustration und Grafik und arbeitet als Förderkünstlerin in einem Atelier im Regensburger Künstlerhaus Andreas-Stadel. Mit Unterstützung des donumenta e.V. reiste sie im August als Artist in Residence nach Budapest. Im Interview schildert sie wie sie die Stadt erlebt hat und welchen Akzent die ungarische Metropole auf ihre Arbeit setzte.

Barbara, Du hast zu Beginn des Jahres gesagt, es wird heiß sein im August, und ich freue mich auf die Bäder, in denen die Männer im Wasser sitzen und Schach spielen Wie war Deine Zeit in Budapest?

Es war komplett anders als ich es mir zu Beginn des Jahres vorgestellt habe. Die Ankunft in Budapest war wie erwartet sehr heiß, 37 bis 39 Grad. Die Bäder konnte ich wegen Corona nicht besuchen. Was ich ganz neu wiederentdeckt habe, war die Donau. Ich bin gleich am ersten Tag dort hin und habe ganz viel Herzlichkeit zu ihr entwickelt. Sie ist so mächtig in Budapest, so weit und so groß. Es war dieses Gefühl, beheimatet zu sein in dieser Stadt durch die Donau.

Aus Regensburg kennst Du eine ganz andere Donau. In Deiner Arbeit geht es ja oft um Gegensätze, groß – klein, weit – eng, weich – solide, fragil – stabil, zerbrechlich – belastbar. Was hat Dein Künstlerinnenherz in Budapest befeuert?

Ich war viel unterwegs, bin oft schon um fünf Uhr früh aufgestanden, bin raus und war dann für ein paar Stunden unterwegs um zu zeichnen. Danach in der Wohnung habe ich versucht, meine Eindrücke in Arbeiten umzusetzen. Das war im Großen und Ganzen mein üblicher Tagesablauf. Ich habe für meine künstlerische Arbeit auch neue Materialien entdeckt wie z.B. Mehl, Zucker, Salz, Sand, Erde oder Seife und habe einige der daraus entstandenen Arbeiten aus Budapest auch mitnehmen können. Was mich an diesem für mich neuem Herstellungsprozess besonders interessiert hat, ist die Tatsache, dass man die aus eigenständig hergestelltem Material entstandenen Objekte nicht mehr klar zuordnen kann. Ist es jetzt von Menschenhand gemacht? Ist es eine Pflanze, ein Tier? Was steckt hinter dem Produkt, das man vor sich hat?
Man ist ständig ein bisschen verwirrt und wird visuell herausgefordert. Die Einordnung bzw. Verortung und Interpretation des visuellen Eindrucks muss der Betrachter selbst vornehmen.
Budapest ist in meinen Augen eine sehr kontrastreiche Stadt. Groß-laut-schön und alles bisschen „überdimensioniert“. Es ist super heiß. Es riecht nach Chlor. Budapest ist eine sehr touristische Stadt, was man beispielsweise daran erkennt, dass alles perfekt sauber ist und mit dem Dampfstrahler gereinigt wird. Man sieht sehr viele städtische Gärtner, alles ist ganz penibel angelegt und akkurat, fast ein wenig künstlich. Man muss schon ein wenig suchen um Natürlichkeit zu finden.

Was für Arbeiten sind dann noch entstanden?

Hauptsächlich Objekte, die ich dann z.B. in gefundenen Dingen oder Pflanzen präsentiert, im öffentlichen Raum installiert und anschließend fotografiert habe. Sozusagen als eigene kleine Ausstellung in einem neuen Format. Ich habe meine Arbeiten zum Beispiel auch mit Salzteig oder anderen Substanzen angereichert und direkt vor Ort gebaut, fotografiert und dann wieder abgebaut. Es waren Momentaufnahmen, kleine Installationen, draußen in den Parks.

Hast du Kontakt gefunden zu Künstlerinnen und Künstlern dort?

Es war August und einige Galerien hatten Sommerpause, einige Museen hatten aufgrund von Covid-19 ebenfalls geschlossen. Darum habe ich mich dann eher auf meine eigene Arbeit konzentriert.
Was einen Artist in Residence-Aufenthalt ausmacht ist ja, dass man dort einfach alleine ist und im Endeffekt auf sich selbst angewiesen. Ich habe versucht das positiv zu sehen, meine eigene Stärke und einen Rhythmus zu finden, und versucht mich immer wieder von Neuem zu motivieren.
Ich frage mich sowieso oft: Sind meine Arbeiten gut? Wird das was? Was mach ich da eigentlich? Panik, Panik, aber dann setze ich mich hin und arbeite und finde meinen Weg.

Wo zieht es Dich als nächstes hin?

Gerade bin ich wieder so am Ankommen. Ich koordiniere gerade einen Kulturrundgang in meinem Heimatort Falkenstein. Da bespiele ich mit Künstlern aus Regensburg und Umgebung Leerstände in alten Gebäuden, die abgerissen werden. Die Räumlichkeiten sind für Besucher unzugänglich und die Kunst nur durch Schaufenster sichtbar. Die Idee Kunst hinter Glas zu präsentieren ist im Lockdown entstanden. Es geht dabei um  Arbeiten, die dem Alten huldigen und den teilweise sehr heruntergekommenen Leerständen sozusagen noch einmal die letzte Ehre erweisen. Ein schöner Kontrast zur zeitgenössischen Kunst. Das Projekt startet am 27. September, danach geht es gleich weiter mit Ausstellungen in Regensburg und Landshut.

Danke für dieses Gespräch, Barbara.

Das Gespräch führte Julia Weigl-Wagner für den donumenta e.V. am 09. September 2020

Videolink: https://youtu.be/fyh01ioVvlo