KünstlerInnen des Danube Art Lab

Die KünstlerInnen des Danube Art Lab kommen aus den Ländern des europäischen Donauraums und haben durch raumbezogene Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht. 

Die Ausstellung "Danube Art Lab – Hidden Spaces / Hidden Places – Verborgenes / Vergessenes – Positionen zeitgenössischer Kunst" ist eine Veranstaltung der Stadt Regensburg in Zusammenarbeit mit der donumenta. Sie findet im öffentlichen Raum der Stadt Regensburg (28. Juli bis 14. Oktober 2018) und in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel (28. Juli bis 18. November 2018), Bertoldstraße 8, statt.

Catrin Bolt, Österreich: "Bayern 1 (Flackern), Videoinstallation, 2018, Sehenswürdigkeiten, Fotografie, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Catrin Bolt lebt in Wien und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. Sie arbeitet mit Fotografien sowie Projekten im öffentlichen Raum. Die Otto-Mauer-Preisträgerin gewann unter anderem den künstlerischen Wettbewerb der Universität Wien zur Ehrung von Wissenschaftlerinnen.

Der Neupfarrplatz spiegelt 2 000 Jahre Stadtgeschichte: Es finden sich Zeugnisse des römischen Legionslagers, des 1519 zerstörten mittelalterlichen jüdischen Viertels, einer Marienwallfahrt aus dem 16. Jahrhundert, der Reformation bis hin zu einem Luftschutzbunker aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Arbeit von Catrin Bolt erinnert an das mittelalterliche jüdische Viertel. Auf dem heutigen Platz standen knapp 40 Häuser, darunter öffentliche Gebäude; hier lebten ungefähr 500 Menschen. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt im Spätmittelalter wuchs die antijüdische Stimmung in Regensburg. Im Jahr 1519 wurden die Juden enteignet, vertrieben und ihre Gebäude dem Erdboden gleich gemacht.

Die Keller und Häuserreste liegen unmittelbar unter dem weitläufigen Neupfarrplatz, wie ein weiteres Stockwerk. Catrin Bolts Videoinstallation kommt mit wenigen Mitteln aus und soll den Platz wie eine Skulptur bespielen. Durch eine Glasscheibe im Boden des Neupfarrplatzes dringt das Flackern eines Fernsehers an die Oberfläche, so als würde dort noch jemand wohnen. „Das allabendliche Fernsehprogramm verweist auf eine Gesellschaft, die sich – abgesehen von etwas Multi-Kulti – unhinterfragt durchsetzen konnte“, sagt Catrin Bolt über ihre Arbeit.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel präsentiert die Österreicherin neue Fotos: Mit dem Makro-Objektiv ihrer analogen Kamera widmete sich Catrin Bolt kleinen, unscheinbaren Details auf der Straße. Aus der richtigen Perspektive ins Bild gesetzt, verwandelt Bolt Teile des historischen Kulturerbes und Funktionales in fiktive „Sehenswürdigkeiten“ – eine Alternative zum Kanon des „Würdig-Seins-gesehen-zu-werden“, zu den klassischen touristischen Highlights.

Alena Foustková, Tschechien, "The Cell: Sound of Silence", Installation, 2018, Alter Kornmarkt, "The Cell: Sound of Silence", Zeichnungen, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Alena Foustková kommt aus Tschechien. An der Akademie der Bildenden Künste in Prag schloss sie ihr Studium in Grafikkunst ab, bevor sie 1982 nach Toronto auswanderte. Nach ihrer Rückkehr 1995 arbeitete sie in Tschechien als Art Director für Saatchi & Saatchi, eine international erfolgreiche und kunstaffine Werbe- agentur. Die Künstlerin ist mit Werken in der Neuen Sammlung in München vertreten.

Alena Foustková bezieht sich auf die Menschen in den Klöstern der Welterbestadt Regensburg. Orden wie die Benediktiner, Karmeliten, Minoriten, Dominikanerinnen, Arme Schulschwestern und Englische Fräulein haben die Stadt in der Vergangenheit geprägt und prägen sie teilweise bis heute. Alena Foustková arbeitet einen zentralen Aspekt monastischen Lebens heraus, der im urbanen Getöse des 21. Jahrhunderts weitgehend aus der Wahrnehmung gerückt ist. Sie übersetzt die Stille der Klosterzelle in die Gegenwart.

„Der ‚Klang der Stille’ (‚Sound of Silence‘) ist eine sehr kluge Formulierung der Mediävistin Julie Kerr aus ihrem Buch ‚Life in the Medieval Cloister‘, um das Klangbild zu beschreiben, das kirchliche Männer und Frauen in den Klöstern der Stille hörten: das Läuten der Glocken mehrmals am Tag, Musik, die aus der Kirche klang, die Geräusche von Vögeln und rauschendes Wasser. In diesem Sinne wurde das Kloster der Stille trotz der darin zu hörenden Geräusche als die notwendige Kulisse für Meditation und Besinnung betrachtet“, erklärt die Künstlerin.

Mit dem Nachbau einer Klosterzelle aus durchsichtigem Polycarbonat, deren Maße dem Proportionssystem von Le Corbusier, dem sogenannten Modulor, entsprechen, schafft Alena Foustková einen interaktiven Ort der Kontemplation. Wer die Zelle betritt, ist von der Außenwelt abgeschnitten und nimmt Geräusche ausschließlich über Beschriftungen an der durchsichtigen Wand – mit Worten wie „Glocke“, „Hupe“ oder „Schrei“ – in seiner Vorstellung wahr. Man assoziiert akustische Reize, ohne ihnen tatsächlich ausgesetzt zu sein.

In der Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel gibt die Künstlerin mit ihrem Skizzenbuch Einblicke in weitere Projektideen, die sie entwickelt hat, und zeigt zudem eine Detailzeichnung zu ihrer Installation.

Milijana Istijanović, Montenegro, "Somnium", Intervention, 2018, Peterskirchlein, D.-Martin-Luther-Straße 24, "Die Sonne war schon immer auf ihrer Seite", Fotomontage, 2017, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Milijana Istijanović studierte in Cetinje Bildhauerei. Sie versucht Geschichte nachzuempfinden und so wieder ins Bewusstsein zu rücken. Ihre Überzeugung: „Räume erinnern sich an Menschen.“ Im „Danube Art Lab“ entwickelte die Künstlerin ein Konzept für das Peterskirchlein in der Grünanlage vor dem Regensburger Hauptbahnhof.

Das Peterskirchlein wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts am damals neuen katholischen Friedhof außerhalb der Stadtmauern errichtet. Gedenktafeln erinnern etwa an den Dompfarrer Bischof Georg Michael Wittmann, der die Kirche errichten ließ, und an den Astronomen Johannes Kepler, der 200 Jahre zuvor auf einem damals bereits existierenden evangelischen Friedhof in unmittelbarer Nachbarschaft begraben worden war. Der frühere Friedhof ist aufgelassen, nur wenige Grabmäler stehen noch. Die Kirche wird von der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde genutzt; das Gebäude befindet sich heute mitten in einem sozialen Brennpunkt der Stadt. Milijana Istijanović holt das Christlich-Orthodoxe nach außen, verblendet die Fensterausschnitte der Kirche mit byzantinischem Blau und rückt sie damit wieder ins Bewusstsein, verschafft ihr Respekt.

Ihre Arbeit nennt die Künstlerin „Somnium“ und erschließt damit eine weitere Bedeutungsebene. „Somnium“ (Traum) lautet der Titel einer Erzählung Johannes Keplers aus dem Jahr 1609, die eine imaginierte Reise zum Mond schildert. Über das byzantinische Blau schreibt Milijana Istijanović: „Die Farbe wird in Orthodoxen Kirchen dazu verwendet, den Himmel darzustellen. Wobei dieser nicht nur als Begrenzung angesehen werden darf, sondern vielmehr auch als eine Verbindung zu Gott, als kosmische Energie.“ Der Himmel sei gleichzeitig das Forschungsfeld des Protestanten Kepler gewesen. Milijana Istijanović verbindet so die drei großen christlichen Glaubensrichtungen und schlägt zudem einen Bogen zu den Anfängen der modernen Naturwissenschaften.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel zeigt die Künstlerin Fotomontagen zu einem weiteren Projekt in Regensburg. Für die Ruine der mittelalterlichen Damenstiftskirche Obermünster – einer der wenigen Schäden des Zweiten Weltkriegs in der Altstadt – entwarf Milijana Istijanović unter dem Titel „Die Sonne war schon immer auf ihrer Seite“ einen violetten Sehnsuchtsort.

Nikita Kadan, Ukraine, "The Inhabitants of Colosseum Performance", Klangskulptur – 27. Juli 2018, 20 Uhr, Colosseum, Steinerne Brücke , "The Inhabitants of Colosseum", Installation, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Nikita Kadan lebt und arbeitet in Kiew. Er studierte an der dortigen Nationalakademie und versteht sich als politischer Künstler. Er ist international auf Ausstellungen, zum Beispiel auf der Biennale in Venedig, vertreten.

In seiner Arbeit für Regensburg kontextualisiert er die Geschichte des eigenen Landes mit der Geschichte Regensburgs. Im Gasthaus „Colosseum“ im Stadtteil Stadtamhof wurde am 19. März 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg errichtet. Dort waren rund 400 männliche Häftlinge interniert. Sie wurden täglich unter Bewachung zur Arbeit an Gleisanlagen geführt, um die Schäden von Fliegerangriffen zu beseitigen.

Die Gefangenen aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn, Belgien, Frankreich und vielen anderen Ländern wurden im Tanzsaal des Gasthauses untergebracht. In den fünf Wochen des Bestehens dieses Lagers starben mehr als zehn Prozent der Inhaftierten. Jeden Tag trieb Wachpersonal, darunter – was den Künstler besonders interessierte – auch Wärter aus der Ukraine, die Inhaftierten über die Steinerne Brücke durch die Altstadt zu ihren Arbeitsstätten auf dem Bahngelände.

Dieses zeitgeschichtliche Ereignis wird bei Nikita Kadan zur sozialen Skulptur und schließlich zu einer Klanginstallation. Am 27. Juli 2018, zur Eröffnung der Ausstellung, sind Menschen von heute eingeladen, den Weg der Gefangenen von damals nachzugehen. In groben Holzpantinen werden 400 Freiwillige – das entspricht in etwa der Zahl der Inhaftierten – schweigend vom „Colosseum“ über die Steinerne Brücke laufen.

„In Holzschuhen, wie sie die Inhaftierten trugen, werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser interaktiven Performance selbst zu einem Teil ihrer Geschichte“, sagt Nikita Kadan über sein Werk. Das Klappern der Schuhe während der Performance wird seinem Konzept zufolge aufgenommen und später zu einer Klangskulptur weiterverarbeitet.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel zeigt Nikita Kadan seine Projektidee als Installation aus Foto und Text. Klangaufnahmen und die zurückgegebenen Holzschuhe dokumentieren die Performance.

Notburga Karl, Deutschland, "Parabelle", Intervention, 2018, Kepler-Monument, Fürst-Anselm-Allee, "Parapunkt", Videoinstallation, Collage, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Notburga Karl studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, war Meisterschülerin von Jannis Kounellis, arbeitete in New York und lehrt derzeit Kunstpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Ihre Performances, Skulpturen, Mobiles, Video- und Klanginstallationen agieren mit dem Raum.

Ihre Arbeit für Regensburg widmet sich dem Astronomen Johannes Kepler. Er hielt sich mehrfach in Regensburg auf und starb hier im Jahr 1630. Bis heute ist er im Gedächtnis der Stadt verankert. Eine Straße ist nach ihm benannt. Das document Keplerhaus, sein Sterbehaus, zeigt Bücher, Briefe, historische Instrumente und Modelle zu seinen Forschungen.

Am Kepler-Monument in der Fürst-Anselm-Allee, errichtet 1808 in Form eines Monopteros, verortet Notburga Karl ihre Intervention in Gestalt einer Ellipse. Die Künstlerin erinnert damit an die zentrale Erkenntnis, die Kepler aus seiner wissenschaftlichen Arbeit ableitete. Das erste der drei Keplerschen Gesetze besagt: Die Planeten bewegen sich nicht in regelmäßigen Kreisbahnen um die Sonne, sondern in Ellipsen. Die Künstlerin interpretiert es so: „Die Ellipse Keplers ist ein Kreis, der Fahrt aufgenommen hat.“ Dieser Entdeckung folgend kombiniert Notburga Karl den runden Korpus des Kepler-Monuments mit ihrer Ellipse. Zwischen den Säulen des Monopteros positioniert sie ein farblich akzentuiertes, weit schwingendes Oval. So verhilft sie der Erinnerung an Kepler zu neuer Sichtbarkeit.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel dokumentiert die Künstlerin, wie sie sich Johannes Keplers Leben und Werk erschloss.

Bojana S. Knezević, Serbien, "The Reveries of Commons", Klanginstallation, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Bojana S. Knezević ist Multimediakünstlerin und Kunstjournalistin. Sie arbeitet in den Bereichen Performance, Video, audiovisuelle Installation und Klangkunst. Mit ihren sozial engagierten interaktiven Kunstprojekten will sie Stereotype hinterfragen; dabei konzentriert sie sich auf die Stimmen von marginalisierten oder versteckten Einzel- und Kollektividentitäten, die kein Gehör finden. Bojana S. Knezevicć hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Medienkunst (Akademie der Bildenden Künste Novi Sad) und promovierte in Interdisziplinärer Digitaler Kunst (Universität der Künste Belgrad).

In Regensburg beschaätigte sie sich mit dem Leben in den Frauenklöstern, vor allem mit den Armen Schulschwestern, gegründet von Maria Theresia Gerhardinger (1797–1879), und den Englischen Fräulein, gegründet von Maria Ward (1585–1645). Durch Interviews mit den Nonnen dieser beiden Gemeinschaften untersucht Bojana S. Knezevicć, welche unterschiedlichen Beweggründe sie in Gegenwart und Vergangenheit zu einem Leben im Kloster veranlassten. Die Künstlerin will herausfinden, warum in heutiger Zeit ein Mangel an Novizinnen besteht – eine Entwicklung, die europaweit zur Schließung vieler Klöster geführt hat. Auch der Damenkonvent der Englischen Fräulein in Regensburg steht kurz vor der Auflösung; die älteren Nonnen, die dort gelebt haben, ziehen in andere Städte und Klöster, um dort ihren Lebensabend zu verbringen.

Die Gespräche, die Bojana S. Knezević mit fünf Nonnen führte, beschäftigten sich mit Maria Theresia Gerhardinger und Maria Ward – zwei außergewöhnliche Gründerpersönlichkeiten aus unterschiedlichen Jahrhunderten und Lebensverhältnissen. Beide sahen sich mit Herausforderungen und Widerständen konfrontiert, um ihre Berufung zu erfüllen – eine Berufung, die der Bildung und Emanzipation von Frauen gewidmet war.

Inspiriert von diesen Gründerpersönlichkeiten, gewähren die Nonnen Einblick in ihre eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen und Geschichten, die sie dazu veranlasst haben ins Kloster zu gehen. Fasziniert von der Energie und der Tatkraft dieser katholischen Schwesternorden geht Bojana S. Knezevicć der Frage nach, in welchem Verhältnis ein solches Leben zu der Geschichte und den Grundsätzen des Feminismus steht.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel präsentiert die Künstlerin ihr Projekt als Rauminstallation. Dabei verbindet Bojana S. Knezević Klang- und Textfragmente aus den Gesprächen mit ihren perönlichen Erfahrungen, Überlegungen, Vorurteilen und Zweifeln.

Dumitru Oboroc, Rumänien, "Nipple of the City", Intervention, 2018, Zieroldsplatz, "Surface", Video, Installation, 2017/18, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Dumitru Oboroc lebt und arbeitet in Iași. Er ist Performer, Bildhauer, Soziologe, Kunsttheoretiker und ein Meister kleiner Gesten. Seine Arbeit für Regensburg nennt er „Nipple of the City“. Als Ort für seine Intervention wählte der Künstler den Zieroldsplatz und damit die Nähe zum Denkmal Don Juan d’Austrias. Als Befehlshaber der Seeschlacht von Lepanto 1571 und glorifiziert als „Retter des Abendlands“ ging der uneheliche Sohn Kaiser Karls V. und der Regensburger Gürtlerstochter Barbara Blomberg in die Geschichtsbücher ein. Die Liebesbeziehung des alternden Kaisers und der jungen Frau wird bei jeder Stadtführung erzählt. Kaum jemand thematisiert, was eine uneheliche Geburt für eine Mutter im 16. Jahrhundert bedeutet haben mag.

Dumitru Oboroc geht es jedoch nicht um diesen konkreten Fall. Sein „Nipple of the City“ verweist auf die vielen verborgenen Geschichten hinter der touristisch aufbereiteten Kulisse Regensburgs. Als Erhebung im Pflaster ausgestaltet, steht der „Nipple“ in Konkurrenz zum Denkmal selbst: Seht – so die Botschaft –, da steht der glorreiche Don Juan und gleich daneben bricht sich das Bahn, was unter der Oberfläche schwelt. So etwa am 5. Februar 2003 als die Abtragung des grausamen Denkmals gefordert wurde, da es unter dem linken Fuß des Helden den abgeschlage- nen Kopf eines Türken zeigt.

Dumitru Oboroc erwartet, dass Passanten, die seinem „Nipple“ begegnen, „hineinstolpern, sich mit ihm körperlich und physisch auseinandersetzen und sich selbst oder andere fragen: Was ist hier passiert? Was ist da unter der Oberfläche, was das Pflaster so aufwirft? Was ist da versteckt?“

Er verweist damit auf etwas Unbestimmtes unter der Oberfläche, das sich unserem Bewusstsein entzieht. Der Künstler macht Unsichtbares sichtbar. „Trotz aller archäologischen und historischen Forschung“, sagt er, „werden wir die wahren Gefühle der Menschen aus früheren Jahrhunderten nicht nachvollziehen können. Sie werden uns immer verborgen bleiben.“

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel erzählt Dumitru Oboroc in Videos von seiner Begegnung mit Regensburg. Sie dokumentieren seine persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt und ihren Einwohnern.

Klára Orosz, Ungarn, "The Black Tower", Installation, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Klára Orosz lebt und arbeitet in Pécs. Die promovierte Künstlerin studierte dort an der Universität und am Goldsmiths College in London. Ihre bildhauerische Praxis wandelte sich von Skulpturen hin zu groß dimensionierten Installationen im Stadtraum, die mit den Passanten in Interaktion treten.

Ihr Projekt für Regensburg heißt „The Black Tower“. Dabei handelt es sich um eine Neuinterpretation des nicht mehr erhaltenen Schwarzen Turms an der Nordseite der Steinernen Brücke in Stadtamhof. Er war Bestandteil der einst hier existierenden Grenzbefestigung und der Zollstation von Regensburg.

Der Schwarze Turm wurde 1810 abgetragen, nachdem er bei der Beschießung durch napoleonische und österreichische Truppen in der Schlacht von Regensburg im Jahr zuvor beschädigt worden war. Bei Tiefbauarbeiten stieß man 2002 auf die Grundmauern des Gebäudes und konnte daraus seine genaue Position, Länge und Breite ableiten.

Ihre Motivation, das historische Bauwerk nachzubilden und Besucherinnen und Besuchern einen Eindruck davon zu geben, beschreibt sie so: „Heutzutage weiß kaum mehr jemand von der Existenz dieses Turms und dieser Grenze.“

Bei ihrer Neuinterpretation hält sich Klára Orosz an die Originalmaße des Schwarzen Turms. Die Höhe ist allerdings nicht genau überliefert. Es gibt jedoch Abbildungen, aus denen sich Rückschlüsse darauf ziehen lassen. Außerdem orientiert sich die Künstlerin an der Höhe anderer mittelalterlicher Türme im Stadtgebiet. Deshalb setzt sie diese für ihre Installation mit 20 Metern an.

Die Stadt Regensburg plant, die Installation 2019 auf der Steiner- nen Brücke zu verwirklichen. Dokumente und Forschungsunterlagen zu dem Kunstprojekt, sowie ein Modell, zeigt die ungarische Künstlerin in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel. Worum es der Künstlerin geht? Sie erkennt im Schwarzen Turm die Versöhnung von Widersprüchen. Mag der Betrachter mit der Bezeichnung „The Black Tower“ zunächst etwas Monolithisches und Undurchlässiges verbinden, so zeigt die Künstlerin mit ihrer Gestaltung aus Schaumstoffstäben das Filigrane und Durchscheinende: „‚The Black Tower‘ symbolisiert und enthält Gegensätze wie dunkel und hell, weich und hart.“

Alexandru Raevschi, Republik Moldau, "Invasion of Interpretations", Intervention, 2018, St.-Georgen-Platz, "Legitimization of Tests", Installation, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Alexandru Raevschi kommt aus Chișinău und lebt derzeit in Marburg. Der vielseitig interessierte Künstler studierte Malerei, Architektur, Wirtschafts- und Politikwissenschaft. Er setzte sich in einer Reihe von Arbeiten mit dem kollektiven Erbe seines Heimatlands auseinander.

Während seines Aufenthalts in Regensburg ging Alexandru Raevschi der Frage nach, wie Geschichte und Gegenwart in der Welterbestadt miteinander in Beziehung stehen und welche Bedeutung das historische Erbe für die Regensburgerinnen und Regensburger von heute tatsächlich hat. Im Wortsinn hält er der Stadt einen Spiegel vor: Verspiegelte Quader an der Nordostecke der römischen Legionslagermauer eröffnen Passanten die Chance, Geschichte und Gegenwart in Verbindung zu bringen, sich selbst als Teil davon wahrzunehmen und zu erleben.

Wer an der Installation vorbeigeht und sie betrachtet, wird sich selbst sehen sowie das neu gebaute Museum der Bayerischen Geschichte hinter sich und die originalen Quader der Römermauer vor sich. Geschichte zeigt sich so als Konstrukt, zusammengesetzt aus verschiedenen Teilen, und als Ergebnis der eigenen Perspektive und Lebenswelt.

Alexandru Raevschi nennt seine Installation eine „visuelle Komposition, die durch die Oberfläche der Spiegel hindurch einen Dialog mit der Umgebung schafft. Dadurch wird es möglich, Kommunikation zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen.“

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel entwickelt Alexandru Raevschi das Spiel mit den verspiegelten Römersteinen weiter. Als Vorbereitung seiner Intervention waren Abformungen der originalen Quader aus Gips und Silikonabgüsse notwendig. Aus diesen Formen entstand eine Installation, die ihren Ursprung wiederum in der Geschichte der Römermauer hat.

Selma Selman, Bosnien-Herzegowina, "I wish I had a German Passport", Videoinstallation, 2018, Maximilianstraße 13, "We, who are dreaming of Performance", 27. Juli 2018, 22.30 Uhr Maximilianstraße 13

Selma Selman, eine gebürtige Romni, stammt aus Bosnien-Herzegowina. Ihr Schaffen ist Ausdruck der Herausforderungen ihres eigenen Lebens und der ihrer Community. Dabei nutzt sie verschiedene Medien, wie etwa Perfomance, Malerei, Fotografie oder Videoinstallationen. Selma Selmans persönlicher Hintergrund dient ihr als Ausgangspunkt, um das menschliche Dasein in all seinen Eigenheiten zu erfassen. Sie absolvierte ihren Bachelor-Studiengang in der Bildenden Kunst an der Kunstakademie der Universität Banja Luka und schloss ihr Masterstudium in der Bildenden Kunst an der Syracuse University in New York ab. Selma Selman hat die Organisation „Mars u Skolu!“ („Ab in die Schule!“) gegründet, die es sich zum Ziel setzt, weltweit Mädchen zu ermutigen, die Armut und Ausgrenzung ausgesetzt sind.

Selma Selman nennt ihre Arbeiten für Regensburg „I wish I had a German Passport“ und „We, who are dreaming of“. Sie setzt sich mit dem Luftschutzbunker unter dem Thon-Dittmer-Palais auseinander, in dem während der Zeit des Kalten Kriegs 2.000 Betten und Sanitäranlagen eingerichtet worden waren. Selma Selman stellte, als sie den Bunker das erste Mal sah, einen direkten Bezug zur Geschichte ihrer eigenen Familie her, die im Jugoslawienkrieg ebenfalls Schutz suchte.

Die Künstlerin selbst wurde 1991 während des Kriegs geboren. Der Anblick des Bunkers warf sie gedanklich zurück in diese Zeit: „Als ich den leeren Bunker in Regensburg betrat, erinnerte ich mich daran, wie meine Familie während der Bombardements zusammen im Keller kauerte. Mir wurde bewusst, dass sich durch dieses Bedürfnis nach Unterschlupf und Schutz meine eigene Geschichte mit der Geschichte Regensburgs verband. Mich interessiert die Tatsache, dass dieser Regensburger Schutzraum unbenutzt blieb und die Betten alt wurden, ohne je gebraucht worden zu sein.“ In einem Schaufenster in der Maximilianstraße arrangiert Selma Selman die Betten aus dem Bunker zu einer Videoinstallation.

Borjana Ventzislavova, Bulgarien/Österreich, "The History Theatre", Intervention, 2018, Anatomieturm bei der Königlichen Villa, "Brown Spots", Installation, 2018, Städtische Galerie im Leeren Beutel

Borjana Ventzislavova wurde in Sofia geboren; sie lebt und arbeitet in Wien und Sofia. Die gebürtige Bulgarin studierte in Wien Medienkunst. Für ihre künstlerische Tätigkeit wurde sie zur Ehrenbürgerin Österreichs ernannt. Fotografie, Video, Installation und Performance sind die Mittel ihres künstlerischen Ausdrucks.

Im „Danube Art Lab“ beschäftigte sich die Künstlerin mit dem Anatomieturm. Der Turm im Westen der Königlichen Villa gehörte ursprünglich zur Stadtbefestigung entlang der Donau, die zwischen 1320 und 1330 erbaut worden war. Im 17. und abermals zu Beginn des 19. Jahrhunderts diente der Wehrturm als Lager für Schießpulver. Ab 1739 nahmen Ärzte hier Autopsien vor und betrieben anatomische Studien. Während des Baus der Königlichen Villa in den Jahren 1856 bis 1858 wurde der Anatomieturm neugotisch umgestaltet.

Borjana Ventzislavova erkannte: „Die Geschichte zeigt, dass der Turm stark mit dem menschlichen Körper verbunden war, mit Leben und Tod: Zum einen war er ein Ort, an dem Leichen zu wissenschaftlichen Zwecken seziert wurden, zum anderen war er ein Lager für Schießpulver, das im Krieg dazu benutzt wurde, zu zerstören und Leben auszulöschen. Beide Funktionen verweisen auf die historische Beziehung des Turms zu menschlichem Leben und Blut.“

Die künstlerische Schlussfolgerung Borjana Ventzislavovas: Sie verhüllt den Turm vollflächig mit purpurrotem Stoff, der wie ein Bühnenvorhang von seinen Zinnen fält, und nennt ihr Werk „The History Theatre“. Die Farbe Purpur ist der Künstlerin wichtig, verweist sie doch auf Reichtum und Macht. Jede einzelne Purpurschnecke produziert nur wenige Tropfen Farbstoff. Purpur war einst eine der teuersten Farben der Welt. Als theatralische Inszenierung neben dem Fluss betont diese Arbeit die Schönheit und reiche Geschichte Regensburgs, suggeriert aber auch gleichzeitig, dass Vieles aus der Geschichte noch unbekannt und unentdeckt ist.

In der Städtischen Galerie im Leeren Beutel zeigt Borjana Ventzislavova eine Installation zu ihrer Projektidee „Brown Spots“, die sich mit der NS-Zeit in Regensburg auseinandersetzt.