08.07.2026

Wenn Kunst kühlt

Kunstprojekt in Regensburg sensibilisiert für Klimaresilienz

Der Klimawandel bringt extreme Hitze- und Starkregenereignisse mit sich und stellt Städte vor neue Anpassungsaufgaben. Im Kunstprojekt „ClimArt – Artists for a Resilient Future“ des donumenta e.V. zeigen vier Künstler*innen Arbeiten im öffentlichen Raum, die ökologische Fragen unmittelbar erfahrbar machen. Die Installationen sind größtenteils noch bis zum 15. September zu sehen.
Für Plätze in Regensburg entwickelten Gabi Blum, Ulrika Eller-Rüter, Markus Jeschaunig und Folke Köbberling künstlerische Interventionen, die den Stadtraum als Ort der Auseinandersetzung mit Klimafolgen neu denken. Die Arbeiten verbinden ästhetische Erfahrung mit gesellschaftlicher Reflexion und machen Klimaresilienz als Thema sichtbar.

Mikro-Walderlebnis
Nur mal kurz frische Luft atmen. Für das Mikro-Walderlebnis des österreichischen Künstlers und Architekten Markus Jeschaunig stehen die Menschen am Schwanenplatz Schlange. Seine Installation Mooshelm am Schwanenplatz bietet einen Moment der Abkühlung in der sommerlich heißen Innenstadt.
Die begehbare Skulptur könnte an vielen Orten dauerhaft installiert werden, um mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, kurz einmal herunterzukühlen. Das Innenleben des Mooshelms besteht aus Moosen und Farnen, die uns beim Betreten mit spürbar frischer Luft umgeben, so als wären wir im Wald.

Rebellion gegen Versiegelung
„Geht der Dreck wieder weg?“, fragen sich Passant*innen an der vielbefahrenen Kreuzung am Platz der Einheit angesichts des Werks von Folke Köbberling. Dort rebelliert die Kunstprofessorin mit ihrer Lehmskulptur MAAAAASHxxx gegen die Vorherrschaft des motorisierten Verkehrs. Die Inbesitznahme des öffentlichen Raums durch immer größer werdende PKWs vergegenwärtigt Köbberling in der 1:1-Nachbildung eines Luxus-Offroad-Fahrzeugs, das aus einem speziell zu diesem Zweck entwickelten, kompostierbaren Verbundstoff besteht. Der Witterung ausgesetzt, beginnt sich die Skulptur zu verändern. Sie zerfällt und wird schließlich Teil ihrer Umwelt. So träumt Köbberling von sich selbst auflösenden Blechlawinen. Aus ihrem SUV aus Lehm, Pappmaché und Mehlkleber werden bald Blumen wachsen. Ein Symbol für Versiegelung, Raumaneignung und Verdrängung von Stadtgrün verwandelt sich so in einen lebendigen Ort für Pflanzen und Tiere.

Surrealer Souvenirshop 
Hitze, Starkregen, Überschwemmung. Dieses dystopische Bild eines Kiosks ist das Werk der Münchner Künstlerin Gabi Blum im donumenta-Projekt Climart – Artists for a Resilient Future. Am Donaumarkt zeigt diese Intervention unter anderem eine Hochwassermarke von 2029 oder ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift "Komme gleich wieder".
2029 – das könnte ebenso in der Vergangenheit wie in der Zukunft sein und ist doch hochaktuell. Die Erderwärmung führt zu einem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels. Küsten erodieren. Höhere Pegel führen zu Sturmfluten, die Sediment abtragen, Strände verkleinern, Kioske, Bars und Hotels mit Schlamm überziehen.
Dieser surreale Kiosk von Gabi Blum trägt den Titel Platzhalter | Front Row. Wie ein Memento mori steht er in Regensburg an einem Ort, an dem täglich hunderte Tourist*innen ihre Besichtigungstour in der UNESCO Weltkulturerbestadt beginnen. Noch bis Mitte Juli am Donaumarkt in Regensburg.

 

Der Vitusbach – Regensburger Wasserader
Die Künstlerin Ulrika Eller-Rüter vergegenwärtigt mit ihrem Kunstprojekt fließend verflossen den sichtbaren und unsichtbaren Weg der früheren Regensburger Wasserader Vitusbach. Durch klangliche und visuelle Interventionen wird der Verlauf des Baches von seiner Quelle beim Kloster Karthaus-Prüll bis zur Donau wieder in das Bewusstsein gerufen.
Ergänzend dazu erschafft Ulrika Eller-Rüter im Besucherzentrum Welterbe noch bis 15.07.2026 eine atmosphärische Unterwasserwelt aus Licht, Klang und mikroskopischen Visionen von Wasserproben. Seit 2019 sammelt die Künstlerin Wasserproben aus Flüssen, Meeren und Quellen auf der ganzen Welt. In Regensburg zeigt Eller-Rüter unter anderem Wasserproben aus Donau und Vitusbach. In den mikroskopischen Aufnahmen dieser Wasserproben wird die eigene, unverwechselbare und ästhetisch inspirierende Signatur eines jeden Gewässers sichtbar.

Während der Installationsdauer finden zusätzliche Veranstaltungen zum Projekt statt:
Veranstaltungen und Führungen
Anmeldung erforderlich unter: donumenta2026@donumenta.de

Irmi Kurz | Gästeführerin
Die Tour führt von der Quelle des Vitusbach in Karthaus-Prüll entlang des aktuellen und historischen Verlaufs bis zur Mündung in die Donau.

Termine: 18.07. / 25.07. / 08.08. / 22.08.2026, 10 Uhr, 10 €
Treffpunkt: Brunnstube, Ludwig-Thoma-Straße 16

Hubert H. Wartner | Ehrenvorsitzender Geschichts- und Kulturverein Regensburg-Kumpfmühl
Führung: „Von der Quelle zum Fluss – der Regensburger Stadtbach“
Termin: 19.07.2026, 16 Uhr
Vortrag mit Filmvorführung: „Der Regensburger Stadtbach“
Termin: 23.07.2026, 19 Uhr, Theresia – Raum für Ideen, Kumpfmühler Straße 39

Jutta Watzlawik | Geomantin
Geomantie ist die Kunst, die Sprache der Erde zu hören, zu verstehen und zu beherzigen.
Geomantische Führungen: „Der Vitusbach: Quell des Lebens“ 
Termine: 01.08. / 05.09.2026, 13:30 –17 Uhr, 20 €
Treffpunkt: Brunnstube, Ludwig-Thoma-Straße 16

Weitere Informationen zu den Künstler*innen:
Markus Jeschaunig
Markus Jeschaunig ist Künstler und Architekt; er lehrt an der FH Joanneum Graz. Seine Arbeiten sind von den natürlichen Dynamiken der Erd-, Wasser-, und Lebenssphäre geprägt und bewegen sich an der Schnittstelle von Ökologie, Technologie, Architektur, Landschaft und gesellschaftlichen Engagement.
Jeschaunig studierte Kunst und Architektur in Linz, Istanbul und Wien. 2010 schloss er mit einem Architekturdiplom in Linz ab. 2012 gründete er die künstlerische Praxis „agency in biosphere“ und war Teilnehmer der Change Course Conference des Club of Rome. Als Mitautor des österreichischen Expo-Pavillons 2015 in Mailand ist er Mitbegründer des Breathe Earth Collective, einem transdisziplinären Think-Tank. Seine Mikro-Waldinstallation Mooshelm soll Abkühlung in die stark versiegelte und heiße Innenstadt Regensburgs bringen.
Folke Köbberling
Folke Köbberling ist Künstlerin und Professorin an der Technischen Universität Braunschweig. In ihren Arbeiten thematisiert sie das Verhältnis zwischen Menschen und gebauter Umwelt sowie den Einfluss des Autoverkehrs, zuletzt in ihrer Installation „MASH & HEAL“ in München. In ihrem kritischen Kommentar zur Dominanz des Automobils und der Flächenversiegelung der Stadt, fungierten ihre Skulpturen auch als Indikatoren für die Nutzung des öffentlichen Raums. „MAAAAASHxxx“ thematisiert den zunehmenden Druck, den die immer größer und zahlreicher werdenden Autos auf unseren öffentlichen Raum ausüben. Angesichts der Tatsache, dass Städte zunehmend versiegelt und zugestellt werden, verwandelt Folke Köbberling die Autos in nachhaltige Skulpturen, die darauf abzielen, den Stadtraum wieder für die Menschen zurückzugewinnen. In ihren Realisierungen benutzt sie natürliche Materialien wie Rohwolle und Erde. „Maaaaash!“ war der Beitrag von Kunst im öffentlichen Raum Wien zur Klima Biennale Wien 2026.
Gabi Blum
Gabi Blum studierte Bildhauerei bei Prof. Stephan Huber an der AdBK München und schloss 2014 als Meisterschülerin mit Diplom ab. 2015 erhielt sie die Debütantenförderung und den Bayerischen Kunstförderpreis. 2017 reiste sie im Rahmen des USA Stipendiums u.a. nach Seattle, Oregon, Detroit und Chicago. 2018 erhielt Blum das Stipendium zur Realisierung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre, sowie Förderung von der Stadt München für den Projektraum Kunsthaus Raab.
Blum kombiniert raumergreifende begehbare Installationen mit Performance, Malerei und Video. Ihre meist ortsspezifisch konzipierten Arbeiten arrangieren Menschen in kulissenartigen stereotypischen Räumen und verstehen sich als prozesshafte experimentelle Anordnung von Material, Akteur*in und zeitbasierten Medien.
Ulrika Eller-Rüter
Ulrika Eller-Rüter ist Künstlerin und Professorin für Malerei und Kunst im gesellschaftlichen Kontext an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn. Sie arbeitet multidisziplinär in den Grenzbereichen zwischen Malerei, Installation, Performance und Musik, wie auch in partizipativen Kunstformen im öffentlichen Raum. Ihre Ausstellungstätigkeit umfasst Einzelausstellungen, Performances und Interventionen im gesellschaftlichen Kontext in über 15 Ländern weltweit. Anlässlich der 650-Jahrfeier in Solingen realisierte sie mit Dirk Balke die Intervention Gräfrather Wasseradern.

Der donumenta e.V.
Der donumenta e.V., wurde 2002 auf Initiative von Künstlerin und Kuratorin Regina Hellwig-Schmid gegründet. Er steht für aktuelle Kunst: Multimedia, Performance, Installation, Fotografie, Malerei, Crossover – interdisziplinär und grenzenlos. In seiner Arbeit reflektiert der Verein die komplexe und vielgestaltige Welt, die mit den Mitteln der Kunst Antworten auf relevante politische, soziale und ökologische Fragen findet, um einem übergreifenden internationalen, interkulturellen und integrierenden Dialog zu initiieren, Plattformen zu entwickeln und Antworten aufzuzeigen, bzw. zur Diskussion zu stellen. Der donumenta e.V. ist wichtiger Akteur in der Kultur- und Kreativszene auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Mit dem donumenta e.V. und seinem Artist-in-Residence-Programm avancierte Regensburg zur Drehscheibe des internationalen Kulturaustauschs mit Künstler*innen aus den Ländern des Donauraums und trug wesentlich zum Profil der Welterbestadt als Ort zeitgenössischer Kunst bei.

MAAAAASHxxx von Folke Köbbberling – wenn ein SUV zerfällt und wieder Teil der Umwelt wird. (Foto: Julia Weigl-Wagner)

Platzhalter | Front Row. Dieser surreale Kiosk am Donaumarkt ist das Werk von Gabi Blum. (Foto: Stadt Regensburg, Christian Kaister)

Mooshelm von Markus Jeschaunig – kurz mal herunterkühlen (Foto: Julia Weigl-Wagner)

Unterwasserwelt fließend verflossen der Künstlerin Ulrika Eller-Rüter im Besucherzentrum Welterbe an der Steinernen Brücke, bis 15.07.2026. (Foto: Stadt Regensburg, Stefan Effenhauser)

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